Untergang der „Red Sea Aggressor 1“

Dieser Text wurde 1:1 kopiert und nicht verändert. Näheres unten im Text.

Dies ist ein Augenzeugen Bericht :

Ich wurde wach, und hörte Schritte, gedämpfte Rufe, ‚Fire, Fire‘! Tatsächlich lag leichter Brandgeruch in der Luft, kein angenehmer Lagerfeuerduft, eher chemisch und fies. Ich fragte meinen in der zweiten Koje liegen Buddy, ob er das auch rieche, er schien zeitgleich wach geworden zu sein und murmelte, ‚ja, irgendwas ist los‘. Als ich den Kopf aus der Kabinentür steckte sah ich deutlich Rauch im Gang, der Geruch war extrem. Ich war leichtsinnig und ging noch einmal zurück in die Kabine. versuchte in dem Fach neben der Koje meine Brille zu finden. Ohne die bin ich blind wie ein Maulwurf. Ich tastete herum, konnte sie nicht erwischen, vielleicht 20, maximal 30 Sekunden lang, das selbe tat mein Buddy, dann meinte ich: ‚Scheiß auf die Brille, wir müssen hier raus‘. Als wir wieder auf den Gang kamen, war der Rauch schon viel massiver. Ich versuchte die Treppe zum Heck, doch schon auf der zweiten oder dritten Stufe wurde die Hitze am Kopf unerträglich, der Rauch extrem beißend und ich hörte fieses Knistern. Also zurück Richtung Bug, zum Notausstieg. Helmut direkt hinter mir, dahinter noch jemand, bis heute wissen wir nicht, wer es war. Wir erreichten die Notluke durch die gerade noch jemand anders kroch. Dann zogen helfende Hände auch mich in den dahinter liegenden Raum. Bei dem rasenden Tempo, in dem sich Rauch und Feuer in diesem Moment bereits ausbreiteten, war klar: Wären wir nur 30 Sekunden später aus der Kabine gekommen, wären auch wir tot gewesen. Ein anderer Gast, von Beruf Ingenieur der sich mit Brandschutz in Industrieanlagen auskennt, erklärte später: Der Rauch hätte den ganz speziellen Geruch von brennendem PVC-Kabel gehabt. Chlorhaltig. In der Industrie nicht mehr benutzt, weil diese Gase besonders gefährlich sind und die Fähigkeit zur Flucht massiv beeinträchtigen.

Eine komplette Rekonstruktion der letzten Minuten ergab sich, als alle Überlebenden später von der Ägyptischen Polizei befragt wurden und viel miteinander sprachen. Ein in der hintersten Kabine, direkt an der Treppe untergebrachter Gast war aufgewacht, Er roch Rauch, weckte seinen Zimmergenossen, Er versuchte – wie ich etwa später – die Treppe zum Heck Er kam noch ein paar Stufen höher als ich und berichtet, er habe durch den dichten Rauch hindurch intensives rotes Glühen gesehen, möglicherweise auf der Seite, auf der die Kaffeemaschine stand, vielleicht aber doch etwas weiter rechts, wo der Ladetisch war. Doch schon für ihn war es unmöglich auf diesem Weg den Ausgang zu erreichen. Er kehrte um und rannte laut ‚Fire-Fire‘ rufend nach vorne. Das muss der Moment gewesen sein, an dem ich langsam erwachte. Am vorderen Ende des Ganges öffnete er die Tür zu Kabine 1, wo sich der Notausgang befand, weckte die dortigen Gäste. Als er versuchte den Notausgang zu öffnen, gelang das nur wenige Zentimeter weit. Etwas blockierte die Luke. Er drückte stärker, rüttelte, …. nach einiger Zeit gelang es ihm, die Luke zu öffnen und er bemerkte die Ursache: Auf der Rückseite lag eine Matratze und darauf ein schlafendes Crew-Mitglied. Es war soweit wir wissen das erste Besatzungsmitglied das wach wurde. Irgendwann zwischen diesem ersten Gast und mir muss auch der Tour-Direktor, der ‚erste Tauchguide‘ wach geworden sein. Er lag in Kabine 2, ebenfalls im Unterdeck, vorne am Bug, nahe dem Notausgang. Keiner erinnert sich, wann er aus der Kabine kam – soweit wir alle wissen auf jeden Fall vor mir und Helmut. Er hätte noch Zeit gehabt, durch den Gang zu rennen, alle Kabinentüren aufzureißen und die Passagiere zu warnen. Zugegeben: auch wir taten das nicht – aber er hätte dafür trainiert sein müssen. Einige von uns erinnern sich immerhin daran, dass ein zweiter dort untergebrachter Tauchguide ihnen bei der Flucht aus dem Unterdeck half. Fast alle Überlebenden machen den einzelnen Crewmitgliedern keinen persönlichen Vorwurf, sie können im Krisenfall nur das leisten, wofür sie trainiert sind. Und in keinem Moment, von der ersten Sekunde des Erwachens, bis keine 15 Minuten später das Boot von Bug bis Heck in Flammen stand, hat auch nur ein einziger Mensch einen einziger Piep aus einem einzigen Rauchmelder gehört.

Ein Mensch starb deshalb. Es war eine US-Amerikanische Regierungsangestellte, Army-Veteranin, die in der hintersten Kabine untergebracht war. Die Unterhosen und Schlafanzüge der anderen Gäste waren noch nicht wirklich trocken, als in amerikanischen Tauchforen erstmals Berichte auftauchten, in denen die heldenhaften Rettungsbemühungen der Crew gelobt – und behauptet wurde, sie sei gestorben weil sie noch einmal in die Kabine zurückgegangen sei, um ihren Laptop zu retten. Soweit wir wissen hatte Sie nicht mal einen Laptop auf dem Schiff. Wir wissen nicht, wer diesen Unsinn in die Welt gesetzt hat. Da soll jeder sich seinen Teil denken. Soweit wir Überlebenden und einzigen Zeugen das rekonstruieren können, ging es ihr und Ihrer Zimmergenossen ähnlich, wie Helmut und mir. Als beide fast zeitgleich wach wurden, versuchten beide noch kurz ein paar Dinge zu erwischen. Sie lagen ohne es zu ahnen noch etwas näher am Brandherd als wir. Eine der beiden Frauen muss der Mensch gewesen sein. der zuletzt direkt hinter Helmut und mir noch aus dem Unterdeck kam. Ihre Zimmergenossin hat soweit wir wissen, nur ein paar Sekunden zu lange gezögert. Wie beschrieben: Es gab ja nicht mal einen Feueralarm.

Am Heck nahm unterdessen die Katastrophe ihren weiteren Lauf. Die wenigen Passagiere, deren Kabine auf Haupt- und Oberdeck lagen, waren ebenfalls wach geworden und über die einzige möglich Treppe hinunter zum Tauchdeck gelangt. Dort sahen sie durch die Fensteer zum Salon nur dicken Rauch und im hinteren Teil intensives rotes Glühen. Kurz nach ihnen trafen die ersten Crew-Mitglieder dort ein, schafften es innerhalb von ein bis zwei Minuten das auf dem Oberdeck am Heck liegende Zodiac (Schlauchboot) zu Wasser zu lassen. Die Gäste, die am Heck standen, sprangen schnell hinein und berichten, dass vermutlich der Bordingenieur noch versuchte, mit Atemmaske und Feuerlöscher bewaffnet die Tür zum Salon zu öffnen. Er konnte es nicht wissen, aber das war ein Fehler. Denn als die Tür aufging, erhielt der Schwelbrand frische Luft und alles stand augenblicklich in lodernden Flammen. Die griffen binnen Sekunden auf die im Heck hingenden Neopren-Anzüge über, die Jackets, den Rest
Etwa zeitgleich müssen Helmut und ich durch den Notausgang und die Leiter am Bug des Schiffes angekommen sein. In solchen Situationen Zeit einzuschätzen ist kaum möglich. Doch es kann nur ein oder zwei Minuten gedauert haben haben, bis die Menschen, die im Schlauchboot am Heck saßen und viel mehr sahen, uns zuriefen. ‚Jump, Jump‘. Ich konnte es kaum fassen und sprang als vorletzter. Wenig später hörte man am Heck die ersten Tauchtanks explodieren. Im Wasser trafen wir ein Crewmitglied. Es war gespenstisch. Er hatte seinen Hartschalenkoffer gerettet, den er mit einer Hand beim Scwimmen hinter sich herzog. Mittlerweile hatte das Feuer rasend schnell den Bug des Schiffes erreicht. Zwischen unserem ersten Erwachen und diesem Moment lagen wohl kaum zehn Minuten.

Zum Glück ankerten wir nahe dess Ufers, es war die letzte Nacht auf See. Hinter uns hatte ein Schiff der ‚Emperor-Flotte‘ festgemacht. Dort muss jemand wach gewesen sein. Als wir von Bord sprangen, hatte man bereit die Leinen gelöst und begann das Schiff aus der Gefahrenzone zu fahren. Dann setzten auch sie ein Zodiac ins Wasser und begannen uns einzusammeln. Im Namen Aller möchte ich hier noch einmal herzlichen Dank an die Emporer-Flotte und speziell diese Crew und ihre Passagiere senden. Als nach und nach alle Überlebenden auf dem Schiff ankamen und durc hgezählt wurde, fiel auf, dass eine Frau fehlte. Die Zodiacs haben noch gut eine halbe Stunde lang das brennende Wrack umkreist und nach Ihr gesucht. Vergeblich. Später hörten wir, die „Red Sea Aggressor 1“ habe bis weit in den Tag hinein gebrannt , sei dabei langsam auf See hinaus getrieben und letztlich auf rund 200 Meter Tiefe gesunken. (Siehe nachträgliche Ergänzung am Ende des Berichts)

Zusammengefasst: Kein einziger Rauchmelder aktiv, eine schlafende Crew, ein versperrter Notausgang. Mehr Fehler kann man kaum machen. Rein juristisch wird man vermutlich argumentieren, dafür sei – wenn überhaupt – der Boots-Eigentümer verantwortlich. Denn obwohl es für die ganze Flotte ein striktes, einheitliches ‚Branding‘ gibt und alle Schiffe von den USA aus vermarktet werden, haben sie weltweit unterschiedliche Eigentümer. Es ist eine Art ‚Franchise-Unternehmen‘. Doch wenn ein solches Unternehmen seine Flotte nach weltweit einheitlichen Standards betreibt – (warme Handtücher) – wenn Sie Firmenlogo und Markennamen auf die Schiffe schreiben und wenn der Vorstandsvorsitzende behauptet, alle angebotenen Ziele (Schiffe) zu besuchen um einheitliche Standards zu garantieren – dann muss er sich nach menschlichem Ermessen auch für offensichtlich fehlende Sicherheitstandards verantwortlich zeigen. Ich habe diesen Berichtert gestern an den ‚Präsidenten‘ und den Vorstandsvorsitzenden von ‚Aggressor‘ geschickt und um Stellungnahme gebeten, Frist bis vor zwei Stunden. Es kam keine Antwort.

Auch die Tage danach waren kein Ruhmesblatt für diese Firma. Auf dem Schiff der Emperor Gruppe, das uns aufsammelte, waren Crew und Gäste extrem freundlich, schenkten einigen von uns T-Shirts, teilweise auch Shorts, reichten heiße Getränke, waren einfach nur nett. Nachdem das Schiff uns noch vor Sonnenaufgang in den Hafen von Marsa Alam gebracht hatte, verbrachten wir einige Stunden mit der geschenkten, teilweise aber auch noch nassen, langsam trocknenden, Wäsche im Büro von Zoll und Hafenpolizei. Irgendwann erschien ein ägyptischer Repräsentant von ‚Aggressor‘. Obwohl es irgendwo in der Nähe eigentlich ein gut gefülltes Wäschelager geben müsste – auf jeder der zwei wöchentlich hier startenden Touren werden mit Markenlogo gebrandete Kleidungsstücke als Souvenir verkauft – hatte er nicht an trocikene Kleidung gedacht. Immerhin verfrachtete er uns in ein nahegelegenes Hotel. Dort schenkte der Betreiber des Hotel-Shops uns T-Shirts und Shorts. Erst am Abend des zweiten Tages nach der Katastrophe bekamen wir langsam das Gefühl, die weltweite tätige ‚Aggressor-Group‘, würde sich systematisch um uns kümmern. Im Reisebus brachte man uns nach Kairo zu den Botschaften, wo wir neue Papiere und Visa erhielten, kümmerte sich um Rückflüge, versprach unsere materiellen Verluste durch die Versicherung begleichen zu lassen. Erstattung des Reisepreises und – man glaubt es kaum – einen Gutschein für eine weitere Aggressor-Abenteuer-Reise.
Der aus den USA eingereiste Repräsentant schien uns tatsächlich sehr effektiv zu arbeiten. Er stellte sich als David vor, Marketing-Direktor der Firma. Auf der Firmenhomepage konnte ich ihn heute in der Rubrik ‚Mitarbeiter‘ nicht finden. Doch viele Überlebende versuchten, ihm zu erzählen, was auf dem Boot wirklich passiert war. Alle berichten, das er dies energisch abgeblock hat. Am letzten Abend in Kairo gelang es mir schließlich, diesem David eine Kurzfassung des hier vorliegenden Berichtes zu schildern. Er schien fassungslos. Trotzdem hat keiner der Überlebenden bis heute eine wirkliche Entschuldigung enthalten. Man entschuldigt sich allein für die ‚tragische‘ Katastrophe, aber mit keinem Wort für das von allen Überlebenden einhellig geschilderte Versagen der Verantwortlichen. Statt dessen kam inzwischen der Gutschein für eine weitere Tauchreise mit ‚Aggressor‘.

Lehren, die man daraus ziehen sollte – als Bootsbetreiber und Kunde: Funktionieren die Rauchmelder? Ist auch Nachts auf See und vor Anker mindestens ein Besatzungsmitglied wach? Sind die Notausgänge frei und schnell passierbar? Nicht glauben! Selber prüfen! Im Zweifelsfall die Crew auf Sicherheitsmängel aufmerksam machen! Und last but not least: Immer ein wasserdichter Beutel mit Reisepass, Kreditkarte, Smartphone und ggf. Brille, direkt griffbereit neben dem Bett! Ein mobiler, für Reisen tauglicher Rauchmelder kann auch nicht schaden.

In Absprache mit den anderen Überlebenden schreibe ich diesen Bericht, der in die Sprachen der Betroffenen überetzt und weltweit verteilt werden soll, nach bestem Wissen und Gewissen. Tippfehler bitte ich zu entschuldigen, meine Ersatzbrille enspricht nicht meiner aktuellen Sehstärke. Jedes Detail ist durch Zeugenaussagen belegt und kann bei Bedarf beeidigt werden. Der Text darf, solange er nicht verändert wird, – frei von Copyright – weitergeleitet und in nichtkommerziellen Medien weltweit veröffentlich werden. Falls er in weitere Sprachen übersetzt wird, bin ich für Übersetzungsfehler nicht haftbar. Für ausschnittweise Zitate oder Veröffentlichung durch kommerzielle Medien ist meine Einwilligung zwingend erforderlich.

Michael Houben am 05.11.2019 (geringfügig modifiziert am 06.11.2019) mail@mhouben.de

(1) Nachtrag vom 06.11.2019. Mittlerweile wurde ich von einem Taucher kontaktiert, der bis zum 3.11. noch nichts von diesem Unglück wusste und zwei Tauchgänge auf einem Tagesboot gebucht hatte. Sie tauchten just an der Stelle, an der unser Boot brannte. Ich glaube ihm, dass er nichts ahnte. Doch er hielt sich mit seinem Buddy abseits der anderen Taucher, erkundete das Riff und fand ein Wrack. Zumindest Teile davon, weithin verteilt, wie nach einer Explosion. Und absolut frisch. Als er Teile anfasste hatte er Ruß an der Hand. Er fand auch geplatzte Tauchflaschen. Mir liegt ein Foto vor. Die Red Sea Aggressor liegt nicht – wie berichtet wurde – in 200 Meter Tiefe, sondern kann von Polizei und FBI jederzeit besichtigt werden. Das FBI hat bereits in Cairo mit Ermittlungen begonnen und dort die amerikanischen und einige weitere Überlebende berfragt. Es scheint, als ob diese Geschichte noch nicht zu Ende ist.

4 Kommentare zu „Untergang der „Red Sea Aggressor 1“

  1. Das ist ein echt erschreckender Bericht. Wir waren schon zweimal auf Tauchbooten und uns schwärmten Taucher von der Aggressorfleet vor. Nun gut, den Hinweis mit einem mobilen Rauchmelder finde ich top! Denn so Brände können schnell entstehen. Wir erlebeten vor einem Jahr einen in einem Hotel, mitten in der Nacht. Und mein Mann schrie mich an, weil ich nicht gleich aufwachte und sagte Raus hier sofort! Wenigstens gab es Rauchmelder und der Brand war schnell gelöscht.

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    1. Ich habe bisher auch nur gutes von der Aggressorfleet gehört und ich wollte zuerst auch auf dieser Guiden hatte mich dann aber zum Glück umentschieden. Ich werde auf jedenfall ab jetzt etwas mehr hinsehen wo ich arbeite. Bisher habe ich das immer mit der Einstellung ‚es wird schon nichts passieren‘ hingenommen.

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